Archäologisches Kulturgut versus wirtschaftliche
Interessen
Rosia Montana - Frühhistorischer Bergbau in Gefahr
Wie
aus Fachkreisen und Internetmeldungen entnommen werden kann,
ist derzeit in Rosia Montana (Rumänien) ein Großprojekt
zur Ausbeutung der dortigen Goldlagerstätten im Gang,
wodurch neben massiven Umweltproblemen auch die historischen
Bergbauzeugnisse gefährdet wären.
Gold wurde in dieser Region seit prähistorischer Zeit
abgebaut. Unter den Römern nannte sich die Bergbausiedlung
„Alburnus Maior“. Schon im 19. Jahrhundert wurden
bei Ausgrabungen u. a. Wachstäfelchen gefunden, die die
römische Arbeitsorganisation dokumentieren. Nach Prof.
Alföldy sind auf dem jetzt unmittelbar gefährdeten
Abbaugebiet unterirdische Stollen, Überreste historischer
Bauten, Heiligtümer, Friedhöfe und Inschriften zu
finden. Bisher konnte erst ein Bruchteil dieser antiken Schätze
geborgen werden. Die römische Bergbausiedlung stellt
demnach eine weltweit einzigartige Stätte dar.
Als Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für
Kulturgüterschutz, einer Institution, die in der letzten
Ausgabe der vorliegenden Zeitschrift vorgestellt wurde, setzte
ich mich in den folgenden Wochen und Monaten mit zunehmendem
Interesse mit diesem Problemkreis auseinander. Mir wurde dabei
bald bewusst, dass die Erhaltung der archäologischen
Stätten nur eine Facette darstellt und massive andere
Probleme durch das Vorhaben einer kanadischen Bergbauunternehmung
ausgelöst wurden.
Dieses Projekt sieht einen Abbau des in der Region von Rosia
Montana nur mehr spurenweise vorhandenen Goldes vor. Traditionelle
Abbaumethoden würden sich nicht rentieren. Man griff
daher zu umweltbelastenden bzw. -verändernden Methoden,
in dem die goldhältigen Hügeln abgetragen und in
einer Cyanidlauge das Gold aus dem erzhaltigen Gestein ausgeschieden
werden soll. Zur Schaffung des Cyanidsees soll eine mehr als
100 m hohe Staumauer errichtet werden. In mehreren Stellungnahmen
wurde darauf hingewiesen, dass die durch den Einsatz von Cyanid
verursachte Megakatastrophe in Baia Mare erst wenige Jahre
zurückliegt.
Die Bemühungen der rumänischen Historiker (z. B.
Prof. Piso) zur Erhaltung der wertvollen archäologischen
Fundstätten einerseits und der vor Ort tätig werdenden
privaten rumänischen Initiative „Alburnus Maior“
andererseits fanden bei den Verwaltungsstellen kein Gehör.
Die kanadische Unternehmung setzte die Maßnahmen zur
Absiedlung der einheimischen Bevölkerung fort. Zu den
beiden obgenannten Problembereichen trat nun die Zerstörung
alter, gewachsener Siedlungskomplexe als weitere Dimension
hinzu. Anfragen und Ersuchen an den zuständigen rumänischen
Minister für Kultur vor Erteilung der Abbaugenehmigung
ein objektives Prüfverfahren einzuleiten, verliefen im
Sande.
Die Misserfolge bei den rumänischen Regierungsstellen
und Behörden wurden jedoch von einem zunehmenden internationalen
Echo begleitet. So wurden Unterschriftenaktionen eingeleitet
und Anfragen an rumänische Botschaften in einigen europäischen
Staaten gerichtet. Eine Delegation von Abgeordneten des EU-Parlaments
besuchte die Region, weiters erfolgte ein schriftliches Ersuchen
von Alburnus Maior an den rumänischen Premierminister
Nastase, sich für ein faires Prüfverfahren einzusetzen.
Eine andere wichtige Initiative in der eindringlich die massiven
Umweltprobleme von Greenpeace Österreich aufgezeigt wurden,
führte zur Zurücknahme eines von der Weltbank zur
finanziellen Bedeckung des Projektes gedachten Kredites in
Höhe von 250 Millionen US Dollar.
In einem unlängst mit dem Leiter und Organisator dieser
Initiative, Hrn. DI Schuster, geführten Gespräch
konnte ich mich über den letzten Stand der Entwicklung
informieren.
Die durch die Zurücknahme des Weltbankkredites entstandene
Finanzierungslücke soll durch die Bereitstellung von
Geldmitteln überwiegend durch kanadische Pensionsfonds
ausgeglichen werden. Die unterschiedlichen nationalen und
internationalen Bemühungen haben insofern gefruchtet,
als nun ein mehrmonatiges internationales Umweltverträglichkeits-Prüfungsverfahren
im März 2004 eingeleitet werden soll. Die Situation bei
den rumänischen Entscheidungsträgern ist gespalten,
als es quer durch Regierung und Parlament „pro und contra“
– Stellungnahmen zu dem Projekt gibt. Eine wichtige
Rolle wird in diesem Zusammenhang auch die Frage spielen,
inwieweit ein zur Europäischen Union beitrittswilliges
Land ein Vorhaben unterstützt, dessen Verwirklichung
innerhalb der EU, in der projektierten Form, undenkbar wäre.
Was kann man aus diesen Geschehnissen für Lehren ziehen?
Bei dem vergleichsweise noch schlechten wirtschaftlichen Entwicklungsstand
Rumäniens stellen derartige internationale Großprojekte
immer eine Versuchung dar, einen vermeintlich positiven Beitrag
zum Wirtschaftsaufschwung zu leisten. Andererseits lassen
auch bei den Wohlstandsdemokratien knapper werdende Budgets
in einzelne Bereichen Vakua entstehen und diese Staaten stoßen
an ihre nationalen Grenzen, wenn sie auf Herausforderungen
sogenannter „Globalplayer“ reagieren wollen. Solange
die internationale Staatengemeinschaft nicht bereit ist, auf
solche und ähnliche Vorkommnisse adäquat und auch
angemessen schnell zu reagieren wird es Aufgabe der nationalen
und internationalen privaten Initiativen sein, diese Lücke
zu füllen.
Wir können nur hoffen, dass die unermüdlichen aus
unterschiedlichen Bereichen kommenden Bemühungen letztendlich
doch erfolgreich sein werden und verantwortungslose, ausschließlich
am Gewinn ausgerichteten Unternehmungen und Investoren am
Erreichen ihrer Ziele gehindert werden können. Man sollte
meinen, dass der Erhaltung unseres kulturellen Erbes, einer
intakten Umwelt und gewachsener Siedlungsstrukturen der Vorrang
vor zweifelhaften Wirtschaftsprojekten einzuräumen ist.
Weiterführende Information siehe www.rosiamontana.org
Anton Schifter
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